Together alone

Wie sieht die Lage hier, im Westen Griechenlands aus? Abends das alarmierende Schrillen der öffentlichen Warnmeldung auf dem Mobiltelefon. Dass man sich nicht nach drauβen begeben sollte. Es ist still drauβen. Frühmorgens ist dann alles wieder wie beim Alten.

Das pünktlich um 6 Uhr 30 einsetzende Knarren des Motorrads meines Nachbarn, der sich jetzt zur Arbeit auf der Fischfarm begibt. Die Schafe blöken, die Gänse schnarren, auch die Hunde geben den Farmern mit ihrem Bellen zu verstehen, dass sie, genauso wie früher, hungrig sind, dass sie gefüttert werden wollen.

Wären wir nicht der Manipulation der Medien ausgesetzt, die uns die Ausbreitung des Virus fortwährend um die Ohren schlägt, so würde man hier, am Ionischen Meer, nichts, beinahe nichts, von der Panikstimmung mitbekommen.

Die Bauern gehen ihrer Arbeit genauso nach wie früher. Mit früher meine ich die Zeit vor der globalisierten Ausbreitung des Virus. Die Zeit, bevor wir in Angst und Schrecken versetzt wurden. Wie lautet der Titel eines von Fassbinders Filmen? Angst essen Seele auf.

Plötzlich muss ein Jeder sich mit der erstmals global erfahrenen Panikstimmung auseinandersetzen. Heute Morgen kommt die achtjährige Matina mit Gummihandschuhen die Haustreppe hinuntergehüpft. Sie hat ein Halstuch um Mund und Nase gebunden und spielt Mundschutz Maske tragen wie sie früher Prinzessinschleier tragen mit der Gardine spielte. Ihre Mutter erkundigt sich täglich über Messenger über das Wohlergehen ihrer drei Kinder. Sie verreiste am 12 März nach Polen, um ihre Familie zu besuchen, und steckt jetzt dort fest. Vorerst kann sie nicht zu ihren Kindern und zu ihrem Mann zurück. Also kriegen wir hier im Westen Griechenlands doch was von den Folgen des globalisierten Phänomens ab.

Einzig die Natur scheint zu jubilieren, zur Ruhe zu kommen, jetzt, da die Menschen sich verkriechen und weniger Fahrzeuge auf den Straβen, weniger Schiffe auf dem Meer sind. Nächstens kreucht und fleucht es auf den Straβen, ich sehe mehr Dachse, Wiesel und Füchse als zuvor. In der Bucht, textet Yiannis, hat er gerade eben Delphine gesichtet!

Die Bauarbeiten im Ort gehen auch heute zügig weiter, obwohl der Bauingenieur sich aufgrund der Schlieβung der Baumärkte und Läden um das Beschaffen der Baumaterialien so richtig ins Zeug legen musste. Ein Freund aus Holland, der nun nicht wie beabsichtigt einreisen kann, textet, dass alle Menschen in seinem Land um die vereinbarte Zeit nach drauβen gingen, um dem Krankenhauspersonal Applaus zu klatschen. Gerührt textet er, dass er das Gefühl von sozialem Zusammenhalt der Menschen untereinander, von Verbundenheit -Gründe, weshalb er Griechenland so liebt-, jetzt in seinem eigenen Land erlebt.

Wie bei einem reset auf dem Computer, meint er, strukturiert die Welt sich neu.

Wie es in den Supermärkten am Ionischen Meer aussieht? Nun, weder die Klopapierrollen noch die Spagetti sind ausverkauft. Keine Schlangen mit überladenen Caddies an den Kassen. Theonie steht ohne Mundschutz Maske aber mit Gummihandschuhen am Wurst- und Käsetresen. Sie wohnt am Meer, nach der Arbeit wird sie mit dem Hund spazieren gehen. Drauβen in der Natur, sagt sie, ist alles in Ordnung.

Strand und Meer wissen nichts vom Virus.

Weiβt du, lacht sie, was die Leute hier en gros einkaufen? Jede Menge Alkohol! Und antiseptische Hyghienetüchlein. Wie ist die Stimmung in Preveza, einer Hafenstadt an der griechischen Westküste? Aufgrund einer Reparatur an meinem Wagen fahre ich dorthin in die Werkstatt. Am 17 März. Ganz wie wir sie neuerdings vom Fernseherbildschirm her kennen, bin ich auf menschenleere Geschäftsstraβen gefasst, wie in Italien, Spanien, wie in Luxemburg. Doch dem ist nicht so, im Gegenteil. Es sind viele Fuβgänger unterwegs und genauso viele Mopedfahrer und sonstige Fahrzeuge wie früher. Mundschutzmaskenträger gibt es nur vereinzelte. In der Autowerkstatt gehe ich auf die Angestellte am Empfangstresen zu. Sie bremst mich mit dem Ausstrecken der gummibehandschuhten Hände ab, gibt mir in ernstem Tonfall zu verstehen, ich soll eine Distanz von 2 Metern zu ihr einhalten.

Und dann kommt was Schönes: sie schickt mir Handküsse und sagt sagapo, ich liebe dich! Was uns beide zum Lachen bringt. Ja, ich liebe dich, sagt sie nochmals, wenn auch aus der Ferne! Ich kannte diese Frau vorher kaum, jetzt, scheint mir, kenne ich sie besser.

Jedenfalls bringe ich in Erfahrung, dass sie eine positive, humorvolle Einstellung zum Ganzen hat. Der Werkstattbesitzer trägt keine Gummihandschuhe, niemand im Betrieb trägt eine Mundschutzmaske. Doch bleiben wir alle auf Distanz. Und unterhalten uns über die jetzige Lage. Die Runde gewinnt an Teilnehmern, jeder bringt seine Meinung ein. Ganz klar weht die Fahne auf eine vernünftige Einstellung, auf das Einhalten einer menschenfreundlichen Haltung einander gegenüber. Im Möbelgeschäft kommt Angeliki auf mich zu. Auch sie, die mich sonst immer umarmt, bleibt auf Distanz. Umarmen können wir uns heute nicht, lacht sie, aber Liebe kennt keine Grenzen! Schon wieder bringt mich heute jemand zum Lachen! Aus Luxemburg derweil habe ich Nachrichten von einem männlichen Panikmacher auf WhatsApp. Dass einer des anderen Teufel ist, dass Mord- und Totschlag, dass Anarchie anstehen. Panikstimmung. Angst. Und werde persönlich aggressiv angemacht, wenn ich nicht in die Panik mit einsteige.

Doch gerade jetzt geht es darum, die Ruhe zu bewahren, nett zueinander zu sein, gerade jetzt, wo alles im Handumdrehen anders ist als früher.

Aggressivität beruht auf Angst, Angst fressen Seelen, fressen Menschlichkeit auf. Ich zu meinem Teil habe weder vor, eine Angstmacherin, noch eine Verängstigte zu sein. Dann erfreue ich mich lieber an der freundlichen, ja, humorvollen Stimmung, mit der die Leute in Preveza miteinander umgehen. Jetzt zu Lidl, Vorräte einkaufen, man weiβ ja nie, was das Regierungsmonster als nächstes kundgibt. Auch hier herrscht kein Mangel an Klopapierrollen, im Gegenteil, die Dutzender Pakete türmen sich auf, die Regale sind voll mit Teigwaren und sonstigen Lebensmitteln. Die Kassiererin trägt Gummihandschuhe, keine Maske. Dann aber das beängstigende Bild einer jungen Frau mit Mundschutz und einer mit allem Drum und Dran Vermummung. Verbissen tätigt sie ihre Einkäufe, kein Gruβ, kein Augenkontakt. Keine Kommunikation. Angst isoliert.

Der Mann hinter mir weist mit dem Kinn auf die Frau und lächelt emphatisch. Wir kommen ins Gespräch. Er ist aus Athen und bezieht seit gestern seine Zweitwohnung hier in Preveza. Viele Städtler kommen jetzt, falls sie die Möglichkeit haben, in kleinere Ansiedlungen zurück. Mit seinem Einkauf, einem Zweiliterpack Milch, begleitet er mich hinaus. Er ist um die Siebzig, schätze ich, hat einen langen weiβen Bart, eines seiner Brillengläser hat einen Sprung. Ob ich weiβ, was Apokalypse bedeutet? Es bedeutet nicht Weltuntergang, erläutert er, vielmehr bedeutet es „das Lüften des Schleiers“. Genau das ist jetzt im Gange, sagt er.

Jetzt, in der derzeitigen Lage, zeigt jeder Mensch sein wahres Gesicht. Jetzt zeigt sich, wer Panik sät, wer Licht verbreitet, wer stark oder schwach, wer ein Misanthrop oder ein Philanthrop ist. Nein, lacht er, er ist kein Priester, sondern ein pensionierter Physikprofessor.

Zurück im Dorf am Ionischen Meer mache ich einen Spaziergang am Strand, eine Erfahrung, die ich auf Facebook mit einer luxemburgischen Gruppe teile. Auf meinen täglichen Spaziergängen begegne ich stets Ortsansässigen, an denen ich meist mit einer knappen Begrüβung vorbeilaufe. Heute aber verhält es sich anders als früher. Ich bleibe insgesamt viermal stehen, weil aus blauem Himmel eine Unterhaltung mit einem Menschen stattfindet, an dem ich bisher vorbeigegangen bin.

Wohl unterhalten wir uns aus einer Distanz von zwei Metern, doch der physischen Entfernung zum Trotz findet plötzlich findet ein Austausch statt, der uns einander näherbringt als zuvor.

Auf Facebook poste ich in der Gruppe, dass dieses Phänomen, der globalisierte Virus mit seinem Rattenschwanz an Folgen, uns vereint. In kürzester Zeit schlieβen sich viele Andere der Aussage an, kommentieren, dass sie ähnliche positive Erfahrungen machen. Und alle kommunizieren wir auf Teufel komm raus untereinander. Im Cyberspace, und auch während unseren Spaziergängen. Anna berichtet, dass niemand in ihre Taverne kommt, dass die Leute lassen das Essen aber nach Hause liefern lassen. Nikos der Kleinladenbesitzer sorgt sich um seine Einkommensquelle, die an- oder ausstehende Touristensaison. Der Schuhladenbesitzer sagt, dass seine Nummer im Schaufenster hängt, und dass seine Kunden ihn telefonisch benachrichtigen, wenn sie ein Paar Schuhe benötigen.

Eröffnen sich uns aufgrund des Virus und der Hiobsbotschaften der Medien eventuell neue Möglichkeiten? Werden wir, aus unserem Trott geworfen, womöglich flexibler? Einfallsreicher? Bieten sich durch die uns auferlegte zwischenmenschliche Distanz neue Annäherungsmöglichkeiten? Stimmt dieses Phänomen uns menschenfreundlicher oder verfallen wir in eine ängstlich aggressive Stimmung? Wie auch immer, für einen Jeden bietet diese Zeit des Stillstands Gelegenheit zur Besinnung.

Plötzlich lebt es sich von Tag zu Tag, niemand weiβ, was uns morgen blüht, Dornen oder Rosen. Ich blicke auf den gestrigen Tag in Preveza zurück, auf meinen Spaziergang am Meer. Und fühle sowas wie… Freude? Mir scheint, die Kommunikation in Zeiten der Isolation und Quarantäne erlebt gerade eine Blütezeit. Beobachten Sie nur mal bei sich selbst, wieviel Sie jetzt mit Ihren Mitmenschen, mit Ihren Liebsten kommunizieren, sei es übers Mobiltelefon oder live. Haben Sie zurzeit eigentlich auch so viele Aussprachen und tiefgründige Gespräche mit Ihren Familienangehörigen und Freunden?

Mir scheint, dass die physische Distanz uns paradoxerweise in rasantem Tempo einander näherbringt! Und dass es gilt, eine ethische Entscheidung zu treffen, nämlich, ob man den Fokus auf eine negative oder auf eine positive Einstellung richtet. Beide sind ansteckend!

 

Linda Graf


Mady Lutgen

Mady is looking back on 18 years of experience in the Luxembourgish media world. She quit her job at Revue to launch an online magazine in which importance will be given to what makes us feel good – inside and out.

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